ANN Sortimentsrichtlinien für Naturkost und Naturwaren

 

Einführung in die Sortimentsrichtlinie

Die qualitativ hochwertigen Angebote aus dem Naturkost- und Naturwaren-Handel wie beispielsweise rein natürliche Produkte, Bio-zertifizierte Produkte, Produkte aus Wildsammlung oder gewonnen aus rein natürlichen Quellen und Rohstoffen erfreuen sich seit Jahrzehnten immer größerer Beliebtheit.

Die Menschheit ist von ihrem Beginn an zunächst umfassend von der reinen Natur bedient worden, doch mit der Industrialisierung begann die Änderung der Lebensgewohnheiten. Rückbesinnung war eine wichtige Konsequenz, die bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert erkennbar wurde und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert durch Studentenbewegungen, alternative Lebensmodelle und Bewusstsein über die Begrenzung der Naturressourcen und ungesunde Ernährungsgewohnheiten verstärkt zu einer wichtigen Lebensform wurde.

In den 00er Jahren des 21. Jahrhunderts sind reine Naturprodukte, optimal Bio-zertifiziert, mitten in der Gesellschaft angekommen. In den Ursprüngen und dann weiter über lange Zeit wurde diese Bewegung allein vom Naturkost- und Naturwarenhandel getragen. Dieser zeichnet sich auch heute noch durch strikte Orientierung basierend auf Sortimentsrichtlinien aus, die fachlich zuverlässig, aktuell und realistisch sein müssen.

Wer Naturkost und Naturwaren kauft, erwartet gesunde Produkte, soweit möglich Bio-zertifiziert und unterstützt mit informierter Kaufentscheidung den eigenen gesunden Lebensstil, Natur- und Klima-Schutz. Darüber hinaus streben moderne Verbraucher mit dem bewussten Einkauf noch weitere Ziele an, denn in den vergangenen Jahrzehnten ist das Bewusstsein und die Verantwortung für Natur, Mitmenschen und Umwelt erheblich gestiegen. Daher ist Zeit für eine Modernisierung Jahrzehnte alter Sortimentsrichtlinien.

Zeitgemäße Produkte aus dem Naturkost- und Naturwaren-Handel haben höhere Ansprüche als nur die Natürlichkeit oder Bio-Zertifizierung, sondern gehen auch schonend, nachhaltig, sozial mit der Natur, der Umwelt und den Mitmenschen um.

Dafür steht die ANN Sortimentsrichtlinie des Naturkost- und Naturwaren-Handels.

Grundpfeiler dieser Anforderungen sind:

  1. Ökologisch verantwortliches Verhalten
  2. Umwelt-schonend angebaute, geerntete, verarbeitete, konsumierte und Abfall-entsorgte Erzeugnisse
  3. Bio-zertifizierte, Wildsammlung- oder natürliche Herkunft
  4. Nachhaltigkeit, artgerechte Haltung, Verzicht auf synthetische Agrarhilfsmittel
  5. Naturwaren (Wasch-, Putz-, Reinigungsmittel und Kosmetik) haben gleichwertigen Anforderungen
  6. Verzicht auf gentechnisch veränderten Organismen
  7. Verzicht auf Erdöl-basierenden Rohstoffe
  8. Vermeidung von Plastik
  9. weitmöglichst: Verpackungs-Vermeidung, Umwelt-freundliche Verpackungen, recycelbare Verpackungen, Zero-Waste
  10. Kontinuierliche Reduktion bedenklicher Stoffe und Materialien
  11. Sicherheit und Unbedenklichkeit der Waren und Produkte
  12. Transparenz, einfach verständlich kommunizierte Eigenschaften und Qualitätsanforderungen
  13. enge Zusammenarbeit von Hersteller*innen, Groß- und Einzelhändler*innen
  14. (a)beste, (b) für alle verfügbare Qualität zu (c) angemessenen Preisen
  15. Qualifizierte Aus- und Fortbildung des Hersteller*innen-, Groß- und Einzelhändler*innen-Personals
  16. Konsequente Anwendung des bereits im Markt eingeführten freiwilligen Selbstkontroll-Systems

Weitere Ziele wie der Handels-Qualitäts-Standards mit Siegel, eine einfache Lieferketten-Dokumentation, eine Nachhaltigkeits-Richtlinie, Regeln für Regionalität, eine Umweltschutz-Leitlinie, eine Verpackungs-Richtlinie inklusive unverpackt + Zero Waste, das Regelwerk zum sozialen Verhalten, Analytik-Datenblätter für Verunreinigungen uvm. sind mit den nächsten Versionen der Sortimentsrichtlinie geplant.

Diese Sortimentsrichtlinie entwickelt sich dynamisch nach Verbraucherwünschen, Handelsanforderungen und neueren Erkenntnissen aus dem Umweltschutz, der Ressourcenschonung, sozialen Kriterien und allen anderen relevanten Kriterien weiter. Die Auroren haben großen Wert darauf gelegt, dass diese Sortimentsrichtlinie nun ehrlich, realistisch und für jeden nachprüfbar ist. Es werden keine Anforderungen gestellt, die von Hersteller*innen sowie Groß- und Einzelhändler*innen nicht umsetzbar sind. Kompetente Experten*innen aus Handel und Industrie, keine Quereinsteiger ohne die notwendigen Kenntnisse, sollen für eine seriöse Formulierung nachvollziehbarer, dokumentierter Kriterien und deren Einhaltung sorgen.

Diese neue Sortimentsrichtlinie ermöglicht eine ehrliche, zuverlässige, regelmäßige Prüfung auf Einhaltung und ein immer aktuelles Zertifikat für Lieferanten und Handelsunternehmen. Das Ziel ist es, die Besonderheit der Lieferanten und Verkaufsstätten für Naturkost und Naturwaren

Noch bekannter zu machen und von anderen Angeboten mit niedrigeren Qualitäts-Ansprüchen deutlich zu unterscheiden.

Naturwaren

(1) ätherische Öle

Ätherische Öle sind Erzeugnisse aus landwirtschaftlichem Anbau oder Sammlung, die durch Destillation, Wasserdampfdestillation, Extraktion, Auspressen oder ähnlichen physikalischen Verfahren aus Pflanzen gewonnen werden. Besondere Bedeutung hat dabei kBA-Qualität, die unter gegebenen Auswahloptionen bei Berücksichtigung von Qualität, verfügbarer Angebotsmenge und Preis zu bevorzugen ist.

Ätherische Öle sind in folgenden in Sortimenten zu finden:

1. Kosmetische Produkte
Ätherische Öle sind mit Ausnahme sehr weniger, äußerst seltener Beispiele keine kosmetischen Produkte. Ätherische Öle unterliegen der Chemikalien-Gesetzgebung REACh und nicht der Kosmetikverordnung. Daher müssen ätherische Öle dem Gesetz folgend Gefahr-Piktogramme tragen. Im Sinne des Kundenschutzes ist auf korrekte Packungskennzeichnung zu achten. Daher können ätherische Öle auch nicht nach Kosmetik-Normen, sondern nur nach der Norm für ätherischen Öle zertifiziert werden. Unabhängig davon haben die Bio-Zertifizierungen natürlich Gültigkeit.

Besonderer Bewertung bedürfen ätherische Öle in DIY-Baukästen (Verkaufs-Packung mit allen Rohstoffen, um ein kosmetisches Produkt zu Hause selber nach vorgegebenen Rezept anzurühren

I. Im Falle aller Rohstoffe und einer dazugehörigen Rezeptur in einer Packung, sind ätherische Öle Bestandteil eines kosmetischen Produkts, fallen unter die Kosmetikverordnung (KVO) und brauchen keine Gefahrenpiktogramme.

II. Sind einer Kosmetikbasis (Creme, Lotion, Shampoo…) weitere Rohstoffe, eine dazugehörige Rezeptur und das ätherische Öl in einer Verpackung beigegeben, gilt ebenfalls die KVO und keine Gefahrenpiktogramm-Pflicht.

III. Verkauf einzelner Rohstoffe wie Emulgatoren, fette Öle, ätherische Öle, Fehlen einer dazugehörigen Rezeptur oder die Anweisung, ätherische Öle in eine beliebige Kosmetikbasis zu mischen, machen dem Lieferanten die Einschätzung des entstehenden Produktes und damit die gesetzlich vorgeschriebene Sicherheitsbewertung unmöglich. Diese Produkte sind daher nicht als kosmetische Produkte verkäuflich und müssen Gefahrenpiktogramme tragen.1

2. Raumduft
Räumdüfte setzen Verbraucher über sehr lange Zeit dem Einfluss ätherischer Öle aus. Deshalb ist durch die geltende Gesetzgebung (LFGB vom 15.05.21; Zubereitungsrichtlinie (1999/45/EG), GHS‐Verordnung (EG) Nr. 1272/2008, REACH‐Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Allgemeine Produktsicherheitsrichtlinie (2001/95/EG) Aerosolrichtlinie (75/324/EWG)) ein hohes Maß an Verbrauchersicherheit vorgesehen. Dieses wird beim Lieferanten durch Bewertung der Inhaltsstoffe, Verträglichkeit und Expositions‐ und Risikoanalysen sichergestellt. Eine Norm zur Zertifizierung folgt entspricht der Norm für ätherische Öle. Unabhängig davon haben die Bio-Zertifizierungen natürlich Gültigkeit.

3. Lebensmittel-Aromatisierung und Lebensmittel-Parfumierung
Die zu diesem Zweck eingesetzten ätherischen Öle müssen als Rohstoffe nach REACh/CLP gekennzeichnet werden und unterliegen dem LFGB vom 15.05.21. Eine Norm zur Zertifizierung folgt entspricht der Norm für ätherische Öle. Unabhängig davon haben die Bio-Zertifizierungen natürlich Gültigkeit.

4. Aromatherapie
Aromatherapie wird abhängig vom Behandlungsziel entweder unter §1 des Heilpraktikergesetzes oder als Maßnahme zur Verbesserung des Wohlbefindens, Stärkung, Stimmung…. eingestuft und dann entsprechend gesetzlich geregelt. Der Verkauf der notwendigen ätherischen Öle, aber nicht die Anwendungs-Empfehlung für ein Therapieziel mit medizinischer, therapeutischer Zweckbestimmung ist im Naturkost- und Naturwaren-Handel durchaus möglich und erste Adresse für hochwertige Qualität. Gefahrenpiktogramme sind obligatorisch. Eine Norm zur Zertifizierung folgt entspricht der Norm für ätherische Öle. Unabhängig davon haben die Bio-Zertifizierungen natürlich Gültigkeit.

(2) Bio und Naturkosmetik

Der Naturkost- und Naturwaren-Handel ist eine der idealen Verkaufsstätten für Bio- und Naturkosmetik. Naturkosmetik leistet mit vielen verschiedenen Ansprüchen einen Beitrag für die zukunftsfähige und lebenswerte Welt.

Bio- und Naturkosmetik ist die ursprünglichste Form der Kosmetik, denn es gab in früheren Zeiten nur Naturstoffe. Erst im 19ten Jahrhundert wurde naturkosmetik durch Einsatz synthetischer Bestandteile abgelöst. Seit den Anfängen des 20ten Jahrhunderts hat es aber immer die Bestrebungen gegeben, mit Kosmetik wieder so nahe wie möglich an die Natur zu kommen („zurück zur Natur“). Unter den Anforderungen an Anmutung moderner Produkte, an Lager- und an Transportfähigkeit ist das heute nur noch mit wenigen rein natürlichen Kosmetikprodukten möglich.

Dennoch ist Bio- und Naturkosmetik die Antwort auf die Forderung nach natürlicherem und gesunderem Lebenswandel. Durch Pflicht zur Verwendung von Bio-Rohstoffen wird der Bio-Anbau und der Umweltschutz gefördert. Wildsammlung ist ausdrücklich erlaubt und unterstützt so viele soziale Projekte, von denen Gemeinden in der ganzen Welt verteilt leben. Bio- und Naturkosmetik ist daher eine tragende Säule des Naturkost- und Naturwaren-Handels. Kosmetik mit nur wenigen ausgesuchten natürlichen Bestandteilen erfüllt diese Anforderungen nicht und ist in dieser Sortimentsrichtlinie nicht aufgeführt.

In 1997 wurde die weltweit erste Norm für Naturkosmetik konzipiert. Diese ist heute noch erkennbar an 2 blauen Wellen, 2 grünen Blättern und darüber der Sonne, häufig als menschliche Figur interpretiert und Symbol, wie Mensch und Natur eins werden. In den folgenden Jahren wurde diese im Markt umgesetzt. In dieser „Mutter“ aller Normen wurden die technischen Möglichkeiten, aber auch die optimal möglichen Anforderungen an Natürlichkeit festgeschrieben. Die Norm hat in den Folgejahren dann auch für viele andere Normen/Standards als Matrix und Vorbild gedient.

Das Bio- und Naturkosmetik Sortimentsangebot des Naturkost- und Naturwaren-Handels gliedert sich in 4 sachlich unterscheidbare Kategorien und unterstützt sozial-ethisch auch so die vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die authentische Naturkosmetik anbieten, sich aber die erheblichen Nebenkosten bekannter Label eben nicht wie die großen Konzerne leisten können.

  1. Unabhängig zertifizierte Bio- und Naturkosmetik
  2. Vom eigenen Label-Verein oder Tochter-/Unterorganisationen zertifizierte Bio- und Naturkosmetik
  3. Den Kriterien von Bio- und Naturkosmetik entsprechenden Produkte, die aus verschiedenen (meist wirtschaftlichen) Gründen nicht zur Zertifizierung gebracht wurden
  4. Grüne Handels-Label (vom Handel auf Qualifizierung geprüft)

 

1. Unabhängig zertifizierte Bio- und Naturkosmetik

Der Grundgedanke einer Zertifizierung ist die Überprüfung durch unabhängige Dritte, ob Normen eines Standards eingehalten wurden. Diese Grundvoraussetzung für eine solide Vertrauensbasis erfüllen

  • Blauer EU Engel (begrenzt auf Kosmetik)
  • Cosmebio (nur ältere Produkte unabhängig geprüft durch EcoCert)
  • Demeter
  • Ecogarantie
  • Natrue
  • Naturland
  • Österreichische Lebensmittelbuch B 33
  • USDA
  • ICADA
  1. Vom eigenen Label-Verein zertifizierte Bio- und Naturkosmetik

Da der Grundgedanke einer Zertifizierung die Überprüfung durch unabhängige Dritte ist, ob Normen eines Standards eingehalten wurden, könnte vielleicht die Vertrauensbasis dieser Label diskussionswürdig sein.

Eine Analogie für geschmälertes Vertrauen in Zertifizierungen vom eigenen Label-Verein lautet:

  • ein Fahrzeug wird nicht vom Fahrzeug-Hersteller sondern vom unabhängigen TÜV auf Konformität mit der StVZO geprüft
  • ein Naturkosmetik-Label sollte nicht vom Label-Hersteller sondern vom unabhängigen Zertifizierer auf Konformität mit der Label-Norm geprüft
  • das wäre sonst so, als ob ein Fahrzeug-Hersteller seine eigenen Fahrzeuge auf Konformität mit der StVZO prüft und seinem Kunden selber die Konformität bescheinigt (Sie fahren nach Opel statt zum TÜV).

Dieses Zertifizierungs-Model wird praktiziert von

  • BDIH
  • CCPB
  • Cosmebio (ältere Produkte wurden unabhängig durch EcoCert geprüft)
  • COSMOS
  • EcoCert
  • Eccogruppo Italia
  • NCS
  • Soil
  1. Den Kriterien von Bio- und Naturkosmetik entsprechenden Produkte, die aus verschiedenen (meist wirtschaftlichen) Gründen nicht zur Zertifizierung gebracht wurden

Das in 1997 entstandene Naturkosmetik-Label war dem Handel sehr willkommen, weil es die Eignung als Bio- und Naturkosmetik vorgeprüft hatte. Das war damals notwendig, weil die Regeln für Bio- und Naturkosmetik den Entscheidungsträgern im Handel noch nicht so bekannt waren.

Entscheidungsträger im Handel kennen sich nach mehr als 20 Jahren zertifizierter Naturkosmetik aber nun so gut aus, dass sie die Qualifizierung als Bio- und Naturkosmetik selber beurteilen können und kein Label zur Vorprüfung benötigen. Label-Pflicht wäre für den kompetenten Handel zukünftig eher eine Inkompetenz-Erklärung.

Das in 1997 entstandene Label war vom Initiator als Unterstützung kleiner authentischer Firmen gedacht, aber die Entdeckung von Labeln als erhebliche Geldeinnahme-Möglichkeit hat genau diesen Firmen dann als Hürde für eine Sortimentslistung geschadet.

Kleine Naturkosmetikfirmen mit hoher Qualität haben eine Chance verdient. Diese Firmen obligatorisch vom Markt auszuschließen ist nicht nur unsozial, enthält den Kunden hochwertige Produkte vor, sondern ist auch eventuell wettbewerbsrechtlich kritisch.

Daher sollten die vielen kleine authentischen Naturkosmetikprodukte, die sich häufig durch hohe Qualität und große Natur-Nähe auszeichnen in einer Sortimentsrichtlinie für den auch sozial engagierten Naturkost- und Naturwaren-Handel erlaubt werden. Voraussetzung für die Sortimentslistung ist dann nur die Prüfung durch die Qualitätskontrolle des Handelsunternehmens. (siehe grüne Handels-Label)

  1. Grüne Handels-Label (vom Handel auf Qualifizierung geprüft)

Es besteht natürlich auch die Option, eine ordentliche Prüfung auf Eignung als Bio- und Naturkosmetik Handelsunternehmen-intern durchzuführen. Die so qualifizierten Produkte erhalten nach Prüfung eine grünes Label.

Das Konzept der „grünen Label“ würde endlich das Label-Wirrwarr beenden, durch das Verbraucher schon lange nicht mehr durchsteigen. ICADA unterstützt jedes daran interessierte Handels-Unternehmen mit Fachkompetenz und organisatorischer Unterstützung.

Streichung

Ältere Sortimentsrichtlinien führen auch noch „Pro-Nature“ unter Kosmetik, obwohl nur Waschmittel dieses Label tragen und Waschmittel nicht nach Kosmetik-Kriterien bewertet werden. Deshalb finden Sie diesen Standard nicht in unserer Auflistung, Waschmittel haben eine eigene Norm.